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Das Weltbild der Scheibe neue Erkenntnisse



Auf der Himmelsscheibe von Nebra ist die bislang älteste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte angebracht. Dank intensiver Forschungen im Bereich der astronomischen Deutung (Prof. Dr. Wolfhard Schlosser, Ruhr-Universität Bochum) kann nun Einblick in das Weltbild der Menschen der Bronzezeit vorgestellt werden.

Identifizierung der Himmelsrichtungen öffnet neue Horizonte

Durch die Aussagen der Finder, vor allem aber durch die Spuren des Hammers, mit dem der obere Scheibenrand zerschlagen wurde, wissen wir, dass die Scheibe aufrecht vergraben worden war: rechts und links die Horizonte, das Schiff am unteren Rand. Diese Position stützt nicht nur die Hypothese der „Horizonte” und des „Schiffes”, sie bestätigt vielmehr auch eine wesentliche neue Entdeckung von Prof. Dr. Wolfhard Schlosser.

Die Anbringung der Horizonte richtete sich demzufolge nach exakten Himmelsbeobachtungen, so dass die Horizonte nicht genau mittig, sondern mehrere Grad nach oben versetzt angeordnet wurden. Dies lässt eine Bestimmung der Himmelsrichtung zu – Norden befindet sich oben, gegenüber dem Schiff, das sich im Süden befindet. Ost und West sind entgegen unseren heutigen geografischen Festlegungen verdreht, entsprechen aber der Anordnung auf modernen astronomischen Karten. Dies zeigt, dass die Himmelsabbildung wie die astronomischen Karten von unten gesehen gedacht war, so, als würde man in klarer Nacht auf dem Rücken liegend den Sternenhimmel betrachten. Die Horizonte befinden sich also tatsächlich am Rand des Himmels, dort, wo er die Erde berührt. Entlang dieser Zone pendelt dann folgerichtig das Schiff zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang über den Himmelsozean. Diese Sicht auf die Himmelsscheibe legt nahe, dass es sich bei ihr um die zweidimensionale Darstellung einer sphärischen Himmelsvorstellung handelt. Die bronzezeitlichen Menschen Mitteleuropas hatten sich also bereits um 1600 v. Chr. wie die Ägypter, später die Griechen oder auch in der Genesis, den Himmel als Kuppel, die Erde überwölbend, gedacht. Trifft diese Annahme zu, erlaubt die Himmelsscheibe zum ersten Mal einen Einblick in ein komplexes Weltmodell der vorgeschichtlichen mitteleuropäischen Kulturen.

Astronomie und Archäologie

Dank der bisherigen astronomischen Untersuchungen von Prof. Dr. Wolfhard Schlosser ist bezüglich der dargestellten Himmelsphänomene eine einfache und plausible Arbeitshypothese möglich. Demnach wurde auf der Himmelsscheibe bewusst auf die Darstellung von Sternbildern, mit Ausnahme der Plejaden, verzichtet. Der sternbildfreie Himmel betont das einzige Sternbild, das Siebengestirn der Plejaden, das zwischen Sichel und Vollmond steht, umso stärker. Der Sternenhaufen der Plejaden war schon im Vorderen Orient, aber auch in der griechischen Antike von außerordentlicher Bedeutung, wie wir Homer und Hesiod, zwei der frühesten griechischen Autoren, entnehmen. Die bei Hesiod erwähnte Bedeutung der Plejaden für die Bestimmung des Zeitpunkts von Aussaat und Ernte stellt auch im Fall der Himmelsscheibe die überzeugendste Interpretation dar. Sichelmond und Vollmond mit Plejaden stehen jeweils für zwei Daten der Plejadensichtbarkeit am westlichen Himmel, den 10. März und den 17. Oktober. Die astronomische Beobachtbarkeit dieser entscheidenden Rahmendaten des bäuerlichen Jahres waren wahrscheinlich seit dem Beginn der Jungsteinzeit, also fast viertausend Jahre vor der Zeit der Himmelsscheibe bekannt. Allerdings wurde dieses Wissen bildlich erstmals auf der Scheibe fixiert.

Auf die Daten der Sommer- und Wintersonnenwende, den 21. Juni und 21. Dezember, nehmen die beiden Horizonte Bezug. Sie standen für den Horizontdurchlauf der Sonne während des Jahres und bildeten bereits einen Richtwert der Architektur neolithischer Kreisgrabenanlagen. Die Enden der Horizontbögen markierten die Wendepunkte der Sonne. Da sie einen Winkel von 82 Grad einnehmen, den die Sonne auf der geografischen Breite Mitteldeutschlands überstreicht, ist davon auszugehen, dass die Horizonte auch in dieser Region angebracht wurden.  

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